Warum bio? Aus Gründen!

Warum bio? Ökolandbau im Fokus - Hendrik Haase und Elmar Seck (BLE).

Bio: Lediglich teureres Gemüse und Fleisch, oder steckt doch mehr dahinter? Ein paar Gedanken, Fakten und Denkanstöße zum Thema „ökologischer Landbau“.

Anfragen öffentlicher Träger landen tendenziell seltener in meinem Postfach, vor ein paar Wochen aber bekam ich eine Mail vom PR-Team des “Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft”, kurz BÖLN. Weil ich vom BÖLN noch nie etwas gehört hatte, informierte ich mich ein wenig und merkte schnell, dass meine Vorstellung von verantwortungsbewusster Landwirtschaft mit den definierten Zielen der BÖLN sehr gut zusammenpassen: Die Nachhaltige Bewirtschaftung von Agrarflächen im Einklang mit Natur und Tierwohl.
In der Theorie klingt das super und wohl jeder unter uns würde ungespritztes Bio-Gemüse und Bio-Fleisch aus tierfreundlicher Zucht der konventionellen Ware und Fleisch aus Massentierhaltung vorziehen. In der Praxis sehen wir aber, dass rund 3 / 4 der Kunden in Supermärkten weiterhin zu Fleisch aus weniger artgerechter Zucht zurückgreifen.

Die wenigsten kaufen „bio“ – Woran liegt’s?

Natürlich, viel zu viele Menschen müssen ziemlich auf’s Geld achten und können sich kein preiswertes, sondern nur günstiges/billig produziertes Fleisch leisten. Das kommt aus konventioneller Zucht, und auch wenn wir gefühlt eigentlich alle zwei Wochen irgendwo wieder einen neuen Fleisch- oder Wurstskandal dank billigster Produktionsmethoden und Einsparungen an allen Stellen haben, werden die Produkte gleichen Preisniveaus weiterhin gekauft. Weniger und dafür gutes Fleisch scheint für viele Menschen ebenfalls keine annehmbare Alternative zu sein.

Bio-Hühnchen im mobilen Stallwagen

Man muss also davon ausgehen, dass eine (un)gesunde Portion Naivität mitspielt, wenn man sich im Discounter für Stallhaltungsfleisch entscheidet. Fakt ist aber: Wer mit dem dicken BMW aus der Waschstraße zu LIDL fährt und trotzdem billigst einkauft, der kann sich nur schlecht hinter dem Argument des zu schmalen Geldbeutels verstecken. Meistens fehlt es, zumindest ist das meine Sicht auf das Problem “Kunde”, einfach an der Wertschätzung für Fleisch generell und besonders an Verständnis für den Mehrwert von Bio-Produkten.

Ist bio besser?

Dass Bio-Produkte gesünder als konventionell hergestellte Ware sind, ist unstrittig. Nicht nur Umweltverbände und -Organisationen, eigentlich auch alle Bundes- oder Landesbehörden weisen bei vielen konventionell gezüchteten Gemüsesorten im Vergleich zu Bio-Gemüse auf z.T. erhöhte Rückstände von Pestiziden hin, deren Wirkung toxisch sein kann und deren Spätfolgen unbekannt sind. In der Regel ist Biogemüse mikrobiologisch somit unbedenklicher als Gemüse aus konventioneller Landwirtschaft [vgl. 1 | 2]. Durch die zum Teil längere Reifung unter natürlichen Bedingungen (=Sonne statt Begasung) entstehen in manchen Produkten zudem höhere Vitaminkonzentrationen – Aber auch das Plus an Nährstoffen ist für viele kein Argument, ein paar Cent mehr für das nachweislich bessere Lebensmittel auf den Tisch zu legen.
Sich aber nur auf das Endprodukt auf dem Teller zu konzentrieren wäre ein zu eindimensionaler Blick auf das Thema “bio”. In der Frage sollte man auch mit einbeziehen, inwiefern bzw. ob die Natur durch die wirtschaftliche Bearbeitung Schaden nimmt. Leider keimt dieser Gedanke beim Betrachten des Preisschildes bei vielen nicht auf, wohl wissend dass Massentierhaltung eher semi für die Umwelt ist.

Limousin-Rind mit HörnernDas heisst aber nicht, dass Nicht-Bio-Fleisch direkt schlecht, minderwertig oder unter dubiosen Umständen gezüchtet wurde. Ein Großteil der Landwirte und Züchter in kleinen, ländlichen Betrieben arbeitet durchaus nachhaltig und verantwortungsbewusst auf Bio-Niveau, ohne sich je für ein Siegel zu interessieren. Fokus dieses Artikels ist ja auch die Ökologie und Nachhaltigkeit, nicht aber die Zertifizierung zum Bio-Betrieb. Inzwischen ist ja auch die Direktvermarktung für viele Bauernhöfe ein lukrativer Absatzmarkt geworden, bei dem der Kunde sich zumeist auch die Haltungsbedingungen anschauen und über Futtermittel etc. informieren kann – Ob da Siegel als Marketinginstrument erforderlich sind, entscheidet jeder Landwirt selbst. In der Realität landet jenes Fleisch vom netten Bauern nebenan aber nicht oder nur selten im Supermarkt, in jedem Fall nicht als “Stallhaltung” oder “StallhaltungPlus”; Bei diesen Haltungsmethoden setzen die Tiere zu Lebzeiten nämlich keinen Huf ins Freie.

Warum also kein Bio?

Es gibt die unverbesserlichen Protestesser, die sich mit “Das haben wir schon immer so gegessen und wir leben noch!” und “Das ist doch nur Geldmacherei!” in Sphären bewegen, in die man mit rationalen Argumenten nur schwer vordringen kann. Da macht es grundsätzlich Sinn, Kindern schon im Schulalter präventiv mehr Ernährungskompetenz mit auf den Weg zu geben – Aber das ist ein anderes Thema. Und es gibt auch Leute, denen Tierwohl völlig egal ist, bei denen läuft irgendwie grundsätzlich was falsch und der Fleischkonsum ist vermutlich das geringste Problem. Aber egal, welche Ausrede man hört: Am Ende steht ganz oft die Frage, ob die Mehrausgaben für Bio-Produkte gerechtfertigt sind.

Sind sie.

Aber, wie oben gezeigt, es gibt viele Perspektiven auf das Thema. Ich denke man kann nur verstehen warum “bio” besser ist und Wertschätzung für ökologischen Landbau generieren, wenn man sich entsprechende landwirtschaftliche Betriebe anschaut und bestenfalls erklären lässt, was die Unterschiede und Vorteile von Bio zu konventioneller Zucht ausmacht. Nicht nur auf das Produkt bezogen, sondern auch auf die Unversehrtheit der Umwelt.

Genau so, so ähnlich oder vielleicht auch ganz anders sehen das auch die Leute vom BÖLN, die zum Aufklären und Berichten eine handvoll Blogger, Journalisten und andere Influencer auf den Biohof Frohnenbruch in Kamp-Lintfort eingeladen haben. Schirmherren des Projekts sind die Bio-Spitzenköche und Hendrik Haase, der in der Szene bekannte Fleischfreak mit lustigem Zylinder aus Berlin. Der Protagonist des Tages ist aber Landwirt Klaus Bird.

Biolandhof Frohnenbruch: Ein Familienbetrieb

Biolandwirt Klaus Bird, Biohof Frohnenbruch.
Biolandwirt Klaus Bird, Biohof Frohnenbruch.

Kopf des Biohofs ist Klaus Bird. Er ist Landwirt und Züchter einer Mutterkuhherde und hunderten Hühnern. Seine Rinder sind mindestens 7 Monate im Jahr auf der Weide, das Futter für die Wintermonate kommt ebenfalls von den eigenen Feldern. Die Hühner sind in Mobilställen untergebracht und bewegen sich auf den Weideflächen in der nahen Umgebung. So arbeitet er das ganze Jahr auf eigenen Ländereien rund um und auf dem alten Gutshof.

Tochter Eva und Ehefrau Bärbel sind Metzgermeisterinnen und leiten die hofeigene Metzgerei und Schlachtung, Sohn Paul befindet sich noch im Studium, ist aber bereits in der Zucht involviert. Die ganze Familie arbeitet somit auf dem Hof, gemeinsam mit dem Anspruch, hochwertige Bio-Produkte aus erster Hand zu liefern. Die Nachhaltigkeit spielt dabei eine besondere Rolle.

Ganz vereinfacht: Gras wächst und wird zu Futter, Futter wird zu Fleischmasse. Abfallstoff der Fleischproduktion ist Gülle. Die Gülle wird auf’s Feld gebracht, dient als Dünger und dadurch wachsen wieder Futtermittel für die Tiere. Die Fressen, produzieren Dünger, …

Futtermittel für Bio-RinderDieser Kreislauf, der auf dem Biohof Frohnenbruch noch fröhlich seine Runden dreht, wird leider in der konventionellen Zucht bzw. Massentierhaltung an diversen Stellen unterbrochen. Ein prominentes Beispiel dafür sind zu hohe und dadurch ungesunde Nitratbelastungen durch Überdüngung bzw. die nicht ausreichend flächendeckende Verteilung von Gülle, die bereits seit Jahren in Grund- und Trinkwässern messbar sind. Der Umwelt wird durch zu viel Gülle geschadet, damit im Supermarkt günstige Schweineschnitzelchen liegen, deren Qualität ich ebenso für strittig halte wie die Umstände, unter denen die Tiere in der Massentierhaltung gehalten werden. Den Preis für das günstige Fleisch zahlen am Ende also nicht die Konsumenten an der Kasse, sondern die Menschen in etlichen Regionen im nordwesten und südosten Deutschlands mit stark verunreinigtem Grundwasser.

Das nachhaltige und damit verantwortungsbewusste Wirtschaften endet aber nicht mit der angemessenen Zuchtgröße, sondern es beginnt schon bei der Wahl und dem Anbau der unterschiedlichen Futtermittel und Gemüsesorten: Um den Boden gesund zu halten, müssen immer wieder unterschiedliche Pflanzen ausgesät werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Land auch noch für die nächsten Generationen fruchtbar bleibt.
Zudem verzichtet man hier auf das Schreddern von männlichen Küken, die Ringelschwänze der Schweine müssen dank genug Platzangebot nicht kupiert werden und auch die Kälber dürfen nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben. Das Tierwohl und die artgerechte Aufzucht spielen demnach eine genauso große Rolle wie das verantwortungsvolle Bewirtschaften der rund 90 Hektar, die zum Biohof Frohnenbruch gehören.

Bio-Eier aus dem mobilen Stallwagen.
Bio-Eier aus dem mobilen Stallwagen.

Die Umstellung zum Bio-Hof erfolgte 2002, im Jahr 2009 wurde der Biohof Frohnenbruch vom Landwirtschaftsministerium zum Demonstrationsbetrieb ernannt; Klaus und seine Familie sind dahingehend durchaus als Bio-Pioniere zu betrachten. Der Biomarkt hat in den letzten Jahren ein stetiges Wachstum verzeichnet, und der Trend wird mit Sicherheit auch so weitergehen.

Wer sich selbst ein Bild vom Hof und den Begebenheiten zeichnen will, kann das sehr gerne machen. Der Biohof Frohnenbruch bietet als Demonstrationshof Führungen und Rundgänge an, bei denen ihr selbst mal einen Blick auf das komplexe, aber sehr interessante System “Biohof” werfen könnt. Weitere, ähnlich aufgestellte Betriebe in ganz Deutschland findet ihr auf dieser Seite und ich möchte Euch einen Besuch auf einem der Höfe auf jeden Fall ans Herz legen. Ein Einblick in die Lebensmittelproduktion zu bekommen hilft zu verstehen, warum es eben doch sehr wichtig ist, ob unsere Lebensmittel Bio-Qualität haben oder nicht.

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